Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Historischer Roman “Die Sprache der Schatten” von Susanne Goga

Ich habe erneut eine Leserunde auf der Buchcommunity-Plattform http://lovelybooks.de mitgemacht. Diesmal stürzte ich mich in ein Genre, das mir sonst eigentlich wenig zusagt und wurde Testleserin für einen historischen Roman. Grund für das Wagnis war, dass sich die Autorin Susanne Goga einem ungewöhnlichen Thema angenommen und über einen Maler geschrieben hat, dessen merkwürdig realistische Bilder gänzlich ohne Gesichter auskommen. 

Die reiche Witwe und der arme Künstler

Natürlich ist die Geschichte des Malers genretypisch in eine rahmende Liebesgeschichte verpackt und natürlich geht es genretypisch um eine für ihre Zeit etwas zu eigensinnige Frau. Rika ist die Witwe eines Kleiderfabrikanten, der ihr neben Haus und Vermögen auch noch zwei Stiefkinder aus erster Ehe hinterlassen hat. Der älteste Sohn ist nur wenig jünger als seine Stiefmutter und hofft vom Vater nicht nur die Leitung der Fabrik, sondern auch die Zuneigung Rikas übernehmen zu können. Um ihre Gunst zu erwerben, schenkt er ihr ein Bild, dass sie außerordentlich berührt. Es ist das Bild einer Straßenszenerie, realistisch bis auf das Detail, dass keine Gesichter dargestellt sind. Das Freien ihres Stiefsohnes ebenso ignorierend wie den ersten Liebeskummer ihrer Stieftochter, die statt des reichen Kaufmanns, den ihr Bruder für sie vorgesehen hat, lieber den sensiblen jüdischen Jungen David Löwenstein ehelichen möchte, macht Rika  sich auf die Suche nach dem ungewöhnlichen Maler. Sie findet ihn in den engen  Gassen der spandauer Vorstadt.

Viel Lokalkolorit, reichlich Geheimnis und Intrige und ein Hauch verbotener Liebe

Durch sehr genaue Beobachtungen und Beschreibungen von Orten oder Ortsteilen gelingt es Susanne Goga in “Die Sprache der Schatten” ein reiches atmosphärisches Bild zu schaffen. Sowohl das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts als auch die Vorstadt und eine geschäftliche Reise Rikas nach Mönchengladbach werden so genau geschildert, dass im Kopf des Lesers ein detailliertes Bild entstehen kann. Dabei fängt sie nicht nur Landschaftsimpressionen auf, sondern schildert auch Sprache und Gewohnheiten der reichen und der armen Gesellschaft so gekonnt, dass sie geradezu spürbar werden. Das Schicksal des Malers, dem Rika unter allen Umständen auf die Schliche zu kommen versucht, wird hingegen fast schon etwas zu stark aufgebauscht. Die Liebesgeschichte zwischen Rika  und dem vom Leben gezeichneten Mann bleibt zart und dezent erzählt. Etwas zu kurz kommt die Geschichte einer weiteren verbotenen Liebe. Ein Geschäftspartner von Rikas Stiefsohn musste seine Heimatstadt und seinen Lebenspartner verlassen, um seine Homosexualität in der anonymen Masse der Großstadt Berlin zu verbergen. Ein interessantes zeitgeschichtliches Detail, das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Insgesamt fand ich es wieder spannend an dieser Leserunde teilzunehmen. Die Meinungen waren dieses Mal nicht ganz so kontrovers wie beim letzten Mal, die meisten hatten grundsätzlich Spaß an der Lektüre. Ich denke ein Grund dafür ist, dass Susanne Goga viele Identifikationsangebote macht. So konnte, wer Rika nicht mochte mit ihrer Stieftochter mitleiden,  einem gefiel die Detailtiefe der Ortsbeschreibungen,   während ein Anderer mehr an Kunst und Mode der Zeit interessiert war. Auch für keine ausgemachten Fans des historischen Romans, wie mich, ist “Die Sprache der Schatten” ein kurzweiliger und abwechslungsreicher Zeitvertreib.

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