Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

BBC Sherlock Holmes Verfilmung “Das große Spiel”

Aus dem dritten Sherlock-Holmes-Buch übernimmt die dritte Episode der ersten Staffel der BBC-Verfilmung die Idee, den Privatermittler mehrere kurze Fälle lösen zu lassen. Ganz anders als im Buch erhält dieser Film jedoch eine verbindende Rahmenhandlung, die wieder einmal mit seinem Gegenspieler Moriarty zu tun hat. Auf diese Weise wird aus einer zähen Vorlage ein höchst spannedes Video-Erlebnis.

Ein Spiel auf Leben und Tod

Sherlock erhält einen Anruf von seinem Erzfeind Moriarty. Natürlich spricht er nicht selbst, er hat sich eine Stimme “geliehen”. Der Mensch, dem die Stimme eigentlich gehört, trägt eine Weste voll Sprengstoff und hat das rote Licht der Waffe eines Scharfschützen auf der Brust. Außerdem ist ein Zeitmesser zu erkennen. Weinend übermittelt die Stimme die Botschaft des Bösewichts. Sherlock hat nur ein paar Stunden Zeit, um ein Rätsel zu lösen, welches Moriarty für ihn arrangiert hat. Gelingt es ihm, die Zeit einzuhalten, so darf er die Polizei losschicken, um das Opfer zu retten. Ist er zu spät, so zündet der Sprengstoff, kommt die Polizei zu früh, so wird der Scharfschütze schießen. Das Spiel kann beginnen. Doch als es Sherlock geglückt ist, die erste Stimme lebend zu erretten, klingelt sein Telefon erneut.

Würdige Gegner?

In dieser Episode übertrifft Sherlock Holmes sich geradezu selbst. Unter Hochdruck ermittelt er, sammelt Spuren und kombiniert seine Erkenntnisse miteinander. Die Fälle hängen nicht zusammen und ähneln sich - im Gegensatz zu denen aus “Die Abenteuer des Sherlock Holmes” - nicht. Scheint er auch zwischenzeitlich zum Spielball Moriartys zu werden und genießt er die tödliche Gefahr, der es zu entrinnen gilt mit kühler Genugtuung, so gelingt es ihm doch, nahezu jedes Opfer zu retten. Zum Schluss jedoch wird Holmes an einer empfindlichen Stelle getroffen, denn die letzte Stimme, die sein Gegner sich “borgt” ist die seines Freundes John Watson.  

Im Grunde stellt auch dieser Film der Sherlock-Serie die essentielle Frage nach der Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Holmes und Moriarty kommen sich gefährlich nahe, immer wieder betont der Bösewicht ihren gemeinsamen Spaß am Spiel mit dem Leben anderer. Doch zum Showdown wird klar, wem Sherlock sich wirklich verbunden fühlt, einem Mann, der ihm nicht in seinen analytischen, aber in den zwischenmenschlichen Fähigkeiten weit überlegen ist - John Watson. In Moriartys Augen macht ihn das schwach, doch wer am Ende den Sieg davon trägt, wird die nächste Staffel entscheiden. Nicht nur der Cliffhanger dieser Episode ist psychologisch sehr spannend gestaltet, der gesamte Film spielt mit der Ambivalenz zwischen Gut und Böse. So endet die erste Staffel der BBC-Sherlock-Serie mit einem wahrhaft fulminanten Finale.

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BBC Sherlock Holmes Verfilmung “Ein Fall von Pink”

Watson ein Blogger, Holmes ein Autist - dies scheinen mir die beiden entschiedensten Modifikationen der Neuinterpretation des Sherlock-Holmes-Stoffes durch die BBC zu sein. Bereits der Titel macht deutlich, was sonst noch dazu kommt: aus scharlachrot wird die Trendfarbe pink, die eher wissenschaftlich erscheinende »Studie« wird zum Fall. Außerdem gibt es keine ausschweifenden Abstecher in die amerikanische (Religions-)Geschichte, wie noch in der Vorlage, die ich vor kurzem auch hier vorgestellt habe. Die Ideen der Autoren dieser Serie, Steven Moffat und Mark Gatiss, sind gut, die Umsetzung sogar noch besser. Die Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch und Martin Freeman setzen dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen auf - ein Genuss!

Mord oder Selbstmord?

Aus der Vorlage Conan Doyles stammt auch die Grundcharakteristik des Falles. Es beginnt mit einer Dame in Pink, die durch eine Gifttablette ums Leben gekommen ist. Holmes wird an den Tatort des scheinbar perfekten Verbrechens gerufen, in ein altes, staubiges Haus, das die Verstorbene zum ersten Mal in ihrem Leben kurz vor ihrem Tod betrat. Sie liegt auf dem Boden, mit dem Gesicht nach unten, neben ihren Kopf hat sie mit Blut das Wort »Rache« geschrieben. Dies sind die Fakten, die auch die Polizisten sofort erkennen. Dass das Opfer aber nicht auf ein Motiv, sondern auf ihre Tochter »Rachel« aufmerksam macht, die sie übers Wochenende besuchen wollte und dass sie aus diesem Grunde einen Rollkoffer dabei hatte, dass sie verheiratet war, über zehn Jahre aber kaum sehr glücklich - das zu erkennen bedarf es eines Sherlock Holmes. Es folgen 3 weitere scheinbare Selbstmorde. Die Opfer stehen in keinem Verhältnis mit der Lady in Pink. Doch natürlich erkennt Holmes den Zusammenhang schnell. Es ist ein Spiel auf Leben und tot, gespielt mit einer tödlichen und einer harmlosen Tablette. Doch wer hätte ein Interesse daran, wahllos Menschen zu diesem Russisch Roulette herauszufordern? Um dies herauszufinden, muss zuerst du Frage neu gestellt werden: Mit wem wird hier eigentlich gespielt?

Gelungene Modernisierung durch sorgfältige Figurenzeichnung

Die erste Folge der BBC-Serie wartet nicht nur mit einer gekonnten Verschiebung des klassischen Stoffes in die moderne Welt auf, sondern schafft es dabei auch die charakteristische Atmosphäre beizubehalten. Die beiden Helden werden sehr klar charakterisiert. Während Watson eigentlich ein Lebemann und lediglich von seinen Kriegserfahrungen psychisch gezeichnet ist, verschleißt sich Holmes der Außenwelt. Warum sie sich so sehr mögen bleibt ein Rätsel. Das gilt wohl für die beiden Figuren selbst ebenso wie für ihr Umfeld. Die Vermutungen fangen bei der Idee an, die beiden seien ein Paar und enden bei dem Verdacht, Holmes sei ein ebenso kranker Psychopath, wie die, die er Jagd, Watson früher oder später sein Opfer.

Eine einfach phantastische Serie

Es wurde sichtlich viel Mühe für die Figurenzeichnung aufgebracht. Das gilt nicht nur für die beiden Protagonisten, sondern vor allem auch für den Antagonisten Moriarty, der von Beginn der Serie an ein Phantom des Bösen ist. Damit erhält er eine weit größere Rolle als Conan Doyle ihm zugedacht hat. Doch nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch die Nebenfiguren sind sehrt gut herausgearbeitet. Allen voran ist die biedere Haushälterin (Verzeihung - Vermieterin) zu nennen, die alles verkörpert, was man als »typisch britisch« bezeichnen könnte - eine ältere Lady, die man einfach ins Herz schließen muss. Würde ich hier alles aufzählen, was mir an dieser Serie gefallen hat, ergäbe das eine endlos lange Liste, die keiner von euch würde lesen wollen… und es würde euch kostbare Zeit nehmen, in der ihr diese phantastische Verfilmung ansehen könnt!

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Gerade noch im Blogeintrag “Der Mörder ist immer der Schriftsteller” drüber philosophiert, schon wirds verfilmt, ich bin beeindruckt ;). Daniel Kehlmanns Ruhm kommt mit absoluter Starbesetzung ins Kino. Das einzig Unbefriedigende ist - ich sags euch gleich vorweg - das unspezifische “Demnächst” am Ende…

Fakt und Fiktion - Teil 3

Etwas ungewöhnlich für ein Seminar, in dem auch Germanisten sitzen war das zweite Referatsthema des Tages: Das Computerspiel Fallout 3. Der Kommillitone, der sich daran abmühen durfte, hat ganze Arbeit geleistet, um uns Fachfremden und dadurch recht beschränkten Literatur-Nerds, die narratologische Struktur dieses Spieles beizubringen. So war dann auch unser erster Gedanke nachdem wir gerade einmal den offiziellen Trailer angeschaut hatten “Achso, ein Killerspiel…”. Bis wir aufgeklärt wurden, dass man alle “Quests” auch bestehen könnte, wenn man nicht eine Figur umbringe, okay, die mutierten Killerskorpione einmal ausgenommen.

Es geht darum, dass der Protagonist (gut zu unterscheiden vom Spieler) in eine postapokalyptische Welt hineingeboren wird. Als er gerade erwachsen geworden ist, geht sein Vater verloren und er macht sich auf den Weg aus dem sicheren Schutzbunker heraus, seinen Vater nach Hause zurück zu bringen. Durch mindestens vier Level muss er sich kämpfen, um diese Aufgabe zu erfüllen, dann stirbt er, das ist leider vorprogrammiert (und das hier nicht im übertragenen Sinne).

Die sich dem Referat anschließende Diskussion hatte wieder die Frage zum Mittelpunkt, was hier Fakt, was Fiktion bedeutet. Dass die Welt von Fallout 3 eine imaginäre ist, scheint klar. Doch Videospiele, bei denen der Spieler durch die Perspektive geradezu in den Protagonisten hineinschlüpft, haben auch ihre Tücken. Es ist zwar eindeutig, dass der Protagonist und nicht der Spieler die bis zu 200Kilo Waffengewicht mit sich herumschleppt. Den Auslöser dieser betätigt per Knopfdruck aber der Spieler. Er ist es auch, der sich genau überlegen und auswählen kann, welches Körperteil des Gegners er anvisiert. Er wählt die Strategie und er wird am Ende der Sieger sein, zumal er - im Gegensatz zum Protagonisten - überlebt.

Aber darum gleich zur Waffe greifen und die Ego-Shooter-Fantasie wahr werden lassen? Ich denke, dieser Schritt ist für das Spiel nicht mehr oder weniger wahrscheinlich als für Filme wie “City of God”. Die Verbindung zum Spiel ist zwar intensiver, da man selbst Ursache von Aktionen ist, dafür ist aber der Abstraktionsgrad höher. Gegner sind doch eher selten realistisch-menschlich gestaltet. Wer einen starken Sinn für die Grenze von Fakt und Fiktion hat, der wird also wohl nach City of God nicht gleich zum Drogenboss werden und der wird es auch verkraften Fallout 3 zu spielen. Wer hingegen die Realität von der Fiktion nur schwer unterscheiden kann und vielleicht sogar fiktive Welten der wirklichen vorzieht, der wird dieses Problem auch schon bei der Literatur haben. Nicht ohne Grund gab es nach der Veröffentlichung von Goethes Werther eine Welle von Selbstmorden als Nachahmungstat.