Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Kurze Skizze einer Geschichte der Popliteratur

image

Nachdem ich mich bereits auf die Possible Worlds Theory als Thema meiner Masterarbeit gestürzt hatte, musste ich erkennen, dass ich in die falsche Richtung gelaufen war. Der Roman, den ich analysieren will - Tino Hanekamps »So was von da« - führt in seiner Erzählweise eher zu der Frage, ob es sich um ein Erzeugnis der seit 2001 totgesagten Popliteratur handelt. Nun, da diese Literaturform mich auch bereits beschäftigt hat, ließ ich mich schnell dafür begeistern. Heute möchte ich euch erste Ergebnisse meiner Recherchen präsentieren. Ergänzungen sind wie immer gern gesehen

Bildquelle: Robson  / pixelio.de

Weiterlesen

Was das Principle of Minimal Departure und die Tribute von Panem uns zeigen

Vor ein paar Tagen veröffentlichte der New Yorker einen Artikel mit dem Titel "White until proven black". Der Verfasser beschreibt darin ein interessantes Phänomen des aufkeimenden Rassismus unter jungen Amerikanern als Reaktion auf die Verfilmung des Buchbestsellers “Die Tribute von Panem”. Der Artikel führte mich auf eigentümliche Weise zur Beschäftigung mit der Possible Worlds Theory zurück.

Das principle of minimal departure von Marie-Laure Ryan

Vor einiger Zeit schrieb ich hier eine Rezension zu Marie-Laure Ryans Buch “Possible Worlds, Artificial Intelligence and Narrative Theory”. Darin ging ich auch kurz auf ihre Beobachtung ein, dass Leser von einem Text zuerst immer möglichst große Nähe zur eigenen Realität erwarten. Weist die Welt des Textes eine Abweichung auf, so muss dies explizit hervorgehoben werden. Jeder Leser nehme an, dass Emma Bovarys Mann zwei Beine habe. Da die meisten Menschen dieses Merkmal aufweisen, wird es zur allgemeinen Norm. Ryan bezeichnet dieses Phänomen als Prinzip der minimalen Abweichung. Um die Worte des New Yorker Journalisten zu nutzen: Charles Bovary wird so lange als zweibeinig angenommen, bis der Text einen Beweis liefert, dass er es nicht ist.

Die Tribute von Panem und eine blonde Rhue

In einem bedrückenden Beispiel zeigt der New Yorker, wie das principle of minimal departure bei einer jungen Amerikanerin wirkt. Sie habe sich den Charakter der Rhue, die im Film von einer Afroamerikanerin gespielt wird, blond vorgestellt, ein kleines, unschuldiges Mädchen eben, so äußerte sich die Teenagerin laut New Yorker auf der Plattform eines sozialen Netzwerkes. Im Buch sei Rhue hingegen nicht näher beschrieben. Dass die Jugendliche trotzdem annimmt, die Figur sei blond, ruft zunächst ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens hervor. Mit Hilfe des principle of minimal departure lässt sich das Verhalten der Leserin und Kinobesucherin näher analysieren.

Weiß, bis das Gegenteil bewiesen ist

Der griffige Titel des Artikels beschreibt bereits das Ergebnis der Anwendung des literarischen Prinzips auf die aktuelle Situation. Die Internetuserin nimmt an, dass Rhue blond ist, weil sie eine bestimmte Norm im Kopf hat, die eine Eigenschaft (blondes Haar) mit einer anderen (Unschuld) verknüpft. Für die Gedankenwelt der amerikanischen Teenagerin bedeutet eine andere Haar- und, damit verbunden, auch Hautfarbe eine Abweichung von dieser Norm. Darüber hinaus scheint in ihrer Realität die Eigenschaft, einen afroamerikanischen Familienhintergrund zu haben nicht so selbstverständlich mit Unschuldigkeit verknüpft, wie die, blond zu sein. Umkehrschluss ist die normierte Paarung der Eigenschaften »dunkler Teint« und »mangelnde Unschuld«. Simpel ausgedrückt: Im Kopf dieses Mädchens sind die weißen die Guten. Ist doch einmal jemand unschuldig, der keine weiße Hautfarbe und blonde Locken hat, so ist dies deutlich zu kennzeichnen, als würde es von der Normalität abweichen.

Literaturverfilmung eröffnet Perspektive auf ein gesellschaftliches Problem.

Das hier betrachtete Statement einer Teenagerin ist nur ein Beispiel für viele ähnliche Sätze, die unter amerikanischen Jugendlichen in sozialen Netzwerken zirkulieren. Der Artikel des New Yorker macht dies in aller Ausführlichkeit deutlich. Über das principle of minimal departure wird klar, dass viel zu viele Teeanager eine von ihrer eigenen Hautfarbe abweichende als Andersartigkeit wahrnehmen. Es zeigt, dass in einer heterogenen Gesellschaft wie den USA, Toleranz keine Selbstverständlichkeit ist.

Ich gebe unumwunden zu, dass die Gedanken in diesem Kommentar lediglich skizzenhaft ausgeführt werden konnten. Umso mehr würde mich interessieren, was ihr darüber denkt. Ist eine Lesewissenschaft, die sich des principle of minimal departure bedient in diesem Fall wirklich ein adäquates Mittel, um gesellschaftliche Rückschlüsse zu ziehen?

Literatur zur Possible Worlds Theory 2 - Ruth Ronen

Wer Marie-Laure Ryans Werk “Possible Worlds, Artificial Intelligence and Narrative Theory” bereits gelesen hat und sich trotzdem weiter mit der Theorie der möglichen Welten auseinandersetzen will, der hat zwei Möglichkeiten. Entweder er macht bei den Autoren weiter, auf die sie sich bezieht, oder er liest Ruth Ronen. Sie ist eine der konstruktivsten Kritikerinnen der Possible Worlds Theory in den Literaturwissenschaften. Ihr Buch “Possible Worlds in Literary Theory” ist weit kleiner und schmaler als Ryans Werk aber ebenso gehaltvoll.

Möglichkeit, Fiktion und Realität

Alles was bei Ryan unter der Lupe betrachtet schwammig wird, verfeinert und präzisiert Ruth Ronen. Sie beginnt damit festzustellen, dass fiktive Welten und mögliche Welten nicht zwangsläufig in eine Kategorie fallen, sondern ebenso gut streng voneinander getrennt betrachtet werden können. Das geht aber nicht ohne eine dritte Größe genauer zu betrachten, die Realität. Diese wird von den Possible Worlds Autoren zwar als Konzept oft gestreift, bei keinem aber näher angesehen. Dabei sind für Ronen mögliche Welte und Fiktion nur in Relation zur tatsächlichen Welt interessant. Hier wird auch der Unterschied klar. Während mögliche Welten vollkommen unabhängig von der Realität sein können, sind fiktive Welten immer nur im Vergleich mit der tatsächlichen denkbar.

Fiktion, so stellt Ronen fest, ist nicht an Möglichkeiten gebunden. Sie kann Tatsächliches, Mögliches oder Unmögliches darstellen, ganz wie es ihrem Autor beliebt. Für den Rezipienten ist es dann wichtig, dass er die Unterschiede zur Realität erkennt und diese zum Bezugsrahmen für die Fiktion macht. Im Gegensatz zu dem philosophischen Konzept der möglichen Welten ist es für die Literatur wichtig festzuhalten, dass sie tatsächlich existiert. Fiktion ist demnach ein Konzept, welches in unsere Realität gehört. Ein Buch gibt der Fiktion nicht nur eine haptische Form, sondern sein Inhalt, die sprachliche Fassung, die Geschichte, bedeutet auch eine Aktualisierung. Die Welt in einem Text ist nicht nur für die Figuren real, sondern wird es während des Lesens auch für den Leser. 

Das Spannungsfeld zwischen Autor und Leser

Ein Gedanke, der mir bei Ryan schon gefiel und der bei Ronen noch konkreter beschrieben wird, ist, dass Fiktion von einer Spannung zwischen Autor und Leser abhängig ist. Damit ist nicht nur die Geschichte in mindestens zwei Köpfen realisiert, sondern erhält auch einen Status als kulturelles Produkt. Wenn wir heute einen Klassiker lesen, so tun wir das auf andere Art als die Menschen früher. Wir erkennen Unterschiede in der Erzählweise und sehen, dass die zeitliche Umgebung eine andere ist, als die, die uns heute umgibt. Ein Text gehört also immer auch irgendwie in die Kultur seiner Zeit. Darüber kann der Leser dann wiederum auch Rückschlüsse auf diese ziehen. Manchmal wird so ein Roman viel aufschlussreicher im Hinblick auf seine Zeit als ein Geschichtsbuch.

Einbettung der ihrer Fiktionstheorie in die Literaturwissenschaft

Nachdem Ronen auf diese Weise die Possible Worlds Theory in den Kontext der Literaturwissenschaft eingebettet hat, widmet sie sich anderen Kategorien dieser Disziplin. Sie Betrachtet die Verwendung von Namen und Orten in der Fiktion und ihren Bezug zur Realität. Sie schaut sich aber auch das narratologische Prinzip der Fokalisierung genauer an. Darüber hinaus geht sie auf den Zusammenhang von Fiktion und Diskurs ein. Hier ist besonders ihre Idee hervorzuheben, dass Diskurse und Fiktion beide auf Sprache basieren, dass letzteres aber eine größere Kategorie ist. Darum kann ein Diskurs innerhalb der Fiktion gelten, die Fiktion selbst ist aber mehr als nur eine Sammlung von Statements zu einem Thema.

Eine intelligente Studie, die ihren Lesern viel abverlangt

Insgesamt ist Ruth Ronens Studie “Possible Worlds Theory in Literary Theory” eine sehr intelligente Antwort auf Ryans Betrachtung der Possible Worlds Theory. Das Werk ist leider ebenso wie Ryans nicht aus dem Englischen übersetzt. Die Lektüre bietet eine intensive Betrachtung des Themas, fordert aber auch äußerste Aufmerksamkeit von ihrem Leser. Für jemanden, der sich näher mit der Possible Worlds Theory beschäftigen möchte, führt allerdings kein Weg an dieser kritischen Betrachtung vorbei.

Literatur zur Possible Worlds Theory 1

Ich habe ja schon des Öfteren an dieser Stelle über die Possible Worlds Theory nachgedacht. Nun, so finde ich, ist es an der Zeit einmal Rechenschaft darüber abzulegen, wer mich in welchen Büchern eigentlich auf diese Ideen gebracht hat. Heute: Marie-Laure Ryan.

Begonnen hat meine Lektüre mit dem absoluten Standardwerk zur Possible Worlds Theory in den Literaturwissenschaften »Possible Worlds, Artificial Intelligience and Narrative Theory« von Marie-Laure Ryan. Ein ziemlich großes und recht ausführliches Buch und leider bisher nicht übersetzt worden… Doch der Autorin gelingt darin eine sachliche bis geradezu schematische Darstellung der ursprünglich philosophischen Theorie in Anwendung auf literarische Texte. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Fiktion nichts anderes ist als das Ausbilden einer Möglichkeitswelt. Besondere Errungenschaften sind die Definition der Analysekriterien der »Actual World«, der »Textual Actual World« und der »Textual Reference World«. Diese drei Begrifflichkeiten nutzt sie, um Relationen zwischen der Realität, der Textwelt (die für die Figuren zur Realität wird) und der Referenzwelt, einer Art Universum aus möglichen Welten.

Ein weiteres herausragendes Ergebnis dieser Studie ist die Benennung und Beschreibung des »Principle of Minimal Departure« nachdem der Leser zunächst stets annimmt, dass eine Textwelt der eigenen Realität entspricht, solange nichts gegenteiliges behauptet wird. Wenn von Emma Bovarys Mann Charles die Rede ist, so nimmt man automatisch an, dass es sich um einen Menschen mit allen zu dieser Bezeichnung gehörenden Charakteristika handelt. Er wird im Kopf des lesers nur dann z.B. zu einem einbeinigen Mann, wenn der Autor dies explizit erwähnt. Hier erkennt man schon den Ansatz, dass sowohl Leser als auch Autor am Prozess der Kreation einer möglichen Welt irgendwie beteiligt sind.

Mir persönlich gefällt an dieser Studie auch, dass die Autorin ein Modell entwirft, indem der Autor eine fiktive Projektion seiner selbst entwirft, die zu einem Teil des Textuniversums wird. Der Leser macht dies ebenfalls. Während die Projektion des Autors oft der Erzähler ist, also eine Figur in der Fiktion, wird der Leser zum anonymen Beobachter des Geschehens. Ein blinder Passagier quasi. Das ist zwar vielleicht nicht unbedingt 100% realistisch gedacht, aber eine schöne Metapher.

Über viele Beispiele einzelner Texte und gesamter Genres kommt Ryan schließlich auf den Plot zu sprechen. Sie stellt fest, dass einige Geschichten erzählbarer sind als andere. Wenn sich ein Fuchs und ein Rabe treffen, der Fuchs Hunger hat und der Rabe Käse, so ist es langweilig, wenn der Fuchs den Käse einfach mit Gewalt an sich bringt. Eine ebenso schlechte Geschichte wäre es, wenn der Fuchs einfach den Raben fragt und er ihm den Käse gibt. Wenn aber der Rabe den Käse im Schnabel hat, der Fuchs ihn durch Komplimente zum Singen bringt und so an den Käse gelangt, so ist das nicht nur eine sehr berühmte Fabel, sondern auch eine gute Fiktion. Wahrscheinlich gibt es also gewisse Mechanismen, die einen guten Plot bedingen.

Über diesen kleinen Umweg kommt Ryan zu einem weiteren spannenden Gedanken. Sie stellt fest, dass das Generieren von virtuellen Realitäten genau diese Mechanismen nutzt. So kommt sie von der Beschäftigung mit der Erzählung als einer sehr alten Kulturform auf das hochmoderne Thema künstliche Intelligenz. Ein Computerspiel mit vielen Levels sei nämlich eine Erweiterung des Kapitelgedankens. Ein bestimmter Befehl, löst einen Fortgang der Geschichte aus. Die fiktive Welt wirkt gleichzeitig flexibler und mechanischer als das geschriebene Wort. Doch trotzdem sind sie (auch in ihrer Sprachbasiertheit, denn was ist Programmiertechnik anderes als eine Art Sprache?) Artverwandt.

Es ist eine lange und intensive Nachdenkreise, auf die Marie-Laure Ryan uns in »Possible Worlds, Artificial Intelligence and Narrative Theory« mitnimmt, doch es lohnt sich. Viele neuartige Erkenntnisse und Denkanregungen stellt sie bereit. Auf diese Weise ist ihr eine sehr am Puls der Zeit orientierte Untersuchung gelungen, die nicht unangreifbar bleibt und doch so erfrischend anders ist, dass ich die Lektüre nur jedem an Literatur im digitalen Zeitalter Interessierten empfehlen kann.

Wahrheit und Fiktion

Die Frage nach der Wahrheit von Fiktion ist eine, die die Forschung schon lange Zeit beherrscht. Das Zitat von Stephen King, welches ich heute morgen auf meinem Tumblr-Dashboard fand, (»Fiction is the truth inside the lie«) ist dafür ein allzu kurzes Statement. Ebenso greift natürlich meine »stimmt ja gar nicht«-Reaktion auch zu kurz. Wie es so häufig mit solchen Sätzen ist, sie lassen einen nicht los, krallen sich wie eine Spinne, an deren Beinen kleine Wiederhaken zu finden sind, in den zarten Gehirnwindungen fest. Hier nun also ein paar Ideen zum Thema Wahrheit und Fiktion, die mir in letzter Zeit so über den Weg liefen.

Was King in seinem kurzen Statement aufgreift, hat eine lange Tradition. Bereits Platon brachte die Fiktion mit dem Erzählen von Lügen in Verbindung. Er fand darum, dass in einem perfekten Staat kein Platz für Dichter sei. Auch viel später haben Philosophen noch behauptet, dass ein Statement wie »Lisbeth Salander ist Schwedin« gelogen wäre. Doch fragten sich bald andere, wie es dann um den Satz »Lisbeth Salander kommt aus Südafrika« stünde…

Der Französische Denker Ferdinand de Saussuresfand, dass man es nicht entscheiden könnte. Er würde wohl beide Sätze für weder wahr noch gelogen halten. Er glaubte, dass Statements zu fiktionalen Welten gar nicht erst einen Wahrheitsanspruch hätten.

Nachzulesen sind diese Dinge (sonst wüsste ich sie kaum nachzuerzählen) bei den Theoretikern der Possible Worlds Theory, die mich gerade so sehr beschäftigen. Sie sind es schließlich auch, die für meine oben angeführten Beispielsätze eine Lösung finden. Wenn man sich nämlich vorstellt, dass diese Sätze nicht für die Wirkliche, sondern für eine fiktive Welt gelten würden, so kommt man schnell zu dem Schluss, dass der erste in Bezug auf diese fiktive Welt wahr und der Zweite gelogen ist. Innerhalb einer fiktiven Welt können Werte wie Wahrheit und Lüge ebenso gelten wie in unserer.

Ich mag diese Ansicht sehr, nicht nur, weil sie der Fiktion zugesteht, genauso zu funktionieren wie die Realität, sondern auch, weil sie Erzählungen als Möglichkeitswelten sieht. Wenn ich eine Geschichte schreibe, in der ich sage »ich bin 2,00m groß«, so ist dies in Bezug auf die wirkliche Welt gelogen. Innerhalb einer fiktiven Welt aber kann ich es so weit wahr machen, dass ich es als Möglichkeit ausprobieren kann. Auf diese Weise kann ich in meinem Kopf bzw. in meiner Fiktion ständig fragen »was-wäre-wenn« und würde dafür sogar durch die Logik der Geschichte eine Antwort erhalten.

Ohne also Herrn King zu nahe treten zu wollen, muss ich ihm widersprechen. Stattdessen würde ich behaupten, dass Fiktion eine Welt von Möglichkeiten ist. Damit hätten wir dann wieder einen viel zu kurzen Satz, dem nun ihr widersprechen dürft!

Wo bin ich, wenn ich lese?

Der eigenartig duale Charakter des Lesens treibt mich schon lange um. Die Frage, was das Lesen für die Literatur bedeutet, beschäftigt mich ebenso wie seine Bedeutung für den Genießer von Geschichten. Es ist nicht wahr, dass es die Literatur ohne Leser nicht gäbe. Um genau zu sein reicht ein Autor aus, um eine Fiktion zu erschaffen. Doch an diesem Satz wird auch sofort klar, dass der Leser eine recht große Rolle spielt. Ein Buch, das nicht konsumiert wird, ist zwar da aber führt ein traurig unerkanntes Leben. Wahrscheinlich zweifelt sogar der Autor eines solchen Buches bald an dessen Existenz…

Ich glaube, dass es sich bei der Frage nach Autor und Leser um eine philosophische »Huhn-Ei-Frage« handelt. In meinen Augen ist jeder Autor auch ein Leser. Ob er nun liest, weil er schreiben will oder schreibt, weil es für ihn durchs Lesen zu einer Natürlichkeit geworden ist, sich in Fiktionen zu bewegen, ist kaum entscheidbar (ein paar mehr Gedanken dazu hier). Lesen ist also meines Erachtens auch für das Schreiben von entscheidender Bedeutung. Doch vom Schreiben einmal abgesehen, ist der Vorgang des Lesens und dessen Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft doch ein Phaszinosum.

Lesen, so sind die meisten Menschen sich einig, bildet. Für Kinder ist es wichtig, dass ihnen vorgelesen wird und dass Jugendliche irgendwann die Geschehnisse ihrer direkten Umgebung für spannender halten, als das Universum der Literatur ist für viele Eltern ein mittelgroßes Drama. Tatsächlich finden doch einige nach den zehrenden Erlebnissen der Adoleszenz zu dem Hobby des Reisens in nicht existente Welten zurück.

Als Reisenden bezeichnet z.B. Marie-Laure Ryan, eine der AutorInnen, die mich auf dem Weg zu meiner MA-Arbeit begleiten, den Leser. Wer jedoch weniger für die Literatur übrig hat, könnte den Bücherwurm auch als »Couchpotato« bezeichnen, assoziativ so ziemlich das Gegenteil des Reisenden. Blass, dünn und still, so stellt sich manch einer die Menschen vor, die Bibliotheken dem Fitnessstudio vorziehen und die gerne auch mal eine Mahlzeit vergessen, weil es gerade so spannend ist. Mit Figuren verstehen sich diese Menschen nur so gut, weil sie mit ihnen nicht wirklich kommunizieren müssen, lautet der leise Verdacht derjenigen, die sich für Menschen des »Hier und Jetzt« halten. Mit und gegen diese Voruteile kämpfen die Lesenden übrigens im Gegenteil zu Autoren, die eher als Erforscher des Wesens der Menschheit angesehen werden.

Ein weiterer Denker der Possible World Theorie, Lubomir Dolezel, hat ein Bild von der Autor-Leser-Beziehung, das mir sehr gefällt. Er sagt, dass Autoren eine literarische Welt zwar konstruieren, dass Leser aber durch die Rekonstruktion derselben sie ausgestalten (in »Heterocosmica«). Demnach gibt der Autor Anregungen, die im Kopf des Lesers dann zu einer kompletten Welt erweitert werden. Tatsächlich hat man beim Lesen oft das Gefühl, in eine andere Welt abzutauchen. Gleichzeitig kann niemand leugnen, dass man körperlich fest in seiner eigenen Umwelt verankert bleibt (die tatsächlich auffallend häufig mit einer Couch zu tun hat). Je nachdem wie tief man in seine Fantasie eindringt, nimmt man trotzdem wahr, was um einen herum passiert. Oft habe ich dadurch das Gefühl gleichzeitig da und nicht da zu sein.

Ein andere Ansatz, mit dem ich mich für meine BA-Arbeit auseinandergesetzt habe, ist die Idee, Literatur als Heterotopie zu sehen. Nach wie vor mag ich diese Idee sehr. Nach Michel Foucault ist eine Heterotopie ein Ort des Anderen. Eine Gesellschaft bringt diese Orte hervor, um bestimmte kulturelle Vorkomnisse innerhalb ihrer selbst einerseits auszuschließen, andererseits zu kontrollieren. Gefängnisse sind Heterotopien, Irrenanstalten ebenso, Bordelle, Theater, Gärten,… unzählige Orte repräsentieren auf unterschiedliche Weise das Andere. Wenn ich lese, so setze ich mich auch oft mit genau diesen Dingen auseinander. Das Böse steckt im Krimi, die Ferne im Reiseroman, Sexualität ist beinahe in jeder Literaturform beheimatet. Da eine Heterotopie ein Raumkonzept ist, kann man aber nicht einfach sagen »Literatur ist eine Heterotopie«. Über den Leseraum kann man dies schon eher behaupten.

Dieser ist allerdings meist auch mit anderen Orten gekoppelt, die eigentlich recht homotop also keine Orte des Anderen, sondern des Gleichen sind. Mein Wohnzimmer verbinden seine Eigenschaften wahrscheinlich mit 98% aller anderen Wohnzimmer. Es trennt mich nicht von meinen Nachbarn, sondern verbindet mich mit ihnen. Gleiches gilt für das Café um die Ecke. Was ist also dieser Ort, den Literatur um mich herum erschafft, der mir die nötige Abgrenzung zum Rest der Gesellschaft gibt, damit ich mich mit »dem Anderen« beschäftigen kann?

Alles, was jetzt noch zu sagen ist, klingt weit weniger sachlich als das bisher Gesagte. Es folgt also eine rein subjektive Beobachtung… Ich habe das Gefühl, dass sich um den Lesenden, sei es durch seine tiefe Konzentration, sei es durch das Verbergen seines Gesichts durch das Buch, eine Art Spannungsfeld ergibt, welches ihn ein Stück von seiner Umgebung abtrennt. Eine Grenze, die in meinem Falle schon den ein oder anderen Schaffner dazu gebracht hat, mich eine Zeit lang zu beobachten, bevor er mich in der Bahn um die Fahrkarte bat. Eine Grenze aber auch, die einen Großteil der Geräuschkulisse wenn auch nicht ausblenden, dann zumindest zu einem undifferenzierten Gemurmel werden lassen kann. Körperlich bin ich nach wie vor da, aber geistig habe ich doch häufig das Gefühl, ganz weit weg zu sein…

Literatur heute

Es ist immer leichter auf die Vergangenheit zu blicken und Dinge zu sagen wie: “damals schrieb man so, da es folgende Lebensumstände gab…”. Es ist wohl auch leichter, Unbedeutendes zu vergessen, wenn niemand mehr für es eintreten und sagen kann: “Wir schrieben aber genauso oft aus dem Grund, dass…”. Es ist also von Vornherein wahrscheinlich ein aussichtsloses Unterfangen eine übersichtliche Struktur in die eigene Zeit bringen zu wollen. Viele haben es versucht, viele haben es nicht geschafft. Ich maße mir nicht an, es besser zu können als sie. Dennoch kann ich der Versuchung manchmal nicht widerstehen, nach Tendenzen zu forschen. Im Gegensatz zu Epochen haben diese auch den Vorteil, dass es viele von ihnen zur gleichen Zeit geben kann ;)

Im Moment beschäftigen mich vor allem zwei Themen, das Modell der möglichen Welten, die in Büchern entworfen werden können, und die Idee der Vernetzung von Literatur mit anderen Medien. Über das erste Thema habe ich auf diesem Blog bereits nachgedacht, also widme ich mich heute dem Letzteren. Dabei interessiert mich besonders die Frage, ob Geschichten eine Identität ausbilden können, die sich über verschiedene Welten erstreckt oder ob einfach immer die gleiche Welt in unterschiedlichen Medien abgebildet wird. Das klingt zunächst vertrackter als es ist, bedeutet aber nur, sich zu fragen, ob ein Buch z.B. Durch einen Filmtrailer ergänzt wird, oder ob einfach nur die gleiche Geschichte noch einmal anders erzählt wird.

Ich habe den Eindruck, dass viele Bücher heute zusätzlich zum reinen Text mit Zusatzmaterialien ausgestattet werden. Dabei handelt es sich häufig um die bereits erwähnten Trailer. Dazu kommen Mitschnitte von Lesungen oder eigens produzierten kurzen Ausschnittspräsentationen.  Viele Bücher haben eine Facebook-Seite. Vor allem im Bereich der historischen Romane und auch bei einigen Krimis gibt es darüber hinaus sogar “augmented realities” Webseiten, auf denen man ähnlich wie in einem Computerspiel die textliche Welt erkunden kann. Aufregend wird es auch, wenn der Autor hinter seinem Text hervor tritt und selbst Social media Plattformen nutzt. Man kann dann als interessierter Leser mit ihm in Kontakt treten und er ist plötzlich gar nicht mehr so eine abstrakte Größe. Ich folge z.B. Twitter so unterschiedlichen Schriftstellern wie Kai Meyer, Sebastian Fitzek und Salman Rushdie (wenn ihr weitere bekannte Autoren auf Twitter kennt - ich nehme gerne Tipps entgegen). So kommt zu den Texten auch noch ein real wirkender Schöpfer hinzu.

Nun, natürlich steckt hinter diesem ganzen Zauber auch viel banales Marketing. Dies führt nicht selten zur ständigen Wiederholung der immer gleichen Story. Doch ich habe das Gefühl, dass es auch zunehmend Beispiele gibt, die zeigen, wie man eine Geschichte in unterschiedlichen Medien auf unterschiedliche Weise kreativ umsetzen kann. Da geht es dann nicht mehr um 1:1 Übertragung. Da entsteht dann etwas Neues, etwas Zusätzliches. Trotzdem besteht meist ein enger Kontakt zur textlichen Kernwelt. Die Beziehung kann so eng sein, dass nur ein Aspekt in der ergänzenden Umsetzung hinzu kommt und trotzdem habe ich als Leser manchmal das Gefühl,  dass die Welt der Geschichte sich dadurch ausdehnt. Je mehr Umsetzungen es gibt, desto mehr Beziehungen entstehen zur Ursprungserzählung, die meines Erachtens meist im Buch liegt. Plötzlich haben wir also nicht mehr nur ein Einzelmedium, sondern ein Beziehungsgeflecht, ein regelrechtes Netz um die Literatur herum, eine transmediale Identität. Dabei möchte ich an dieser Stelle Betonen, dass das, was wir in der Umgangssprache schnoddrig “Netz” nenne, das Internet, hier nur ein Medium unter vielen ist. 

Ich weiß, dass die Idee, die ich von einem literarischen Netz im Kopf habe, durchaus etwas visionär zu nennen ist und bis jetzt nur in minimalen Ansätzen tatsächlich umgesetzt wird. Oft - so habe ich das Gefühl - schleichen Autoren noch vorsichtig um derartige Herangehensweisen herum, versuchen Buch und Film und Internet klar definiert und auf sehr klassische Weise zu nutzen. Doch manchmal blitzen neue Ideen und Phänomene auf, die mich hoffen lassen, dass die Literatur bald ihre Fangarme in Richtung Vernetzung ausstreckt und dass sie davon profitieren wird. Wenn dies geschieht, so möchte ich vorsichtig formulieren, könnte eine neue literarische Strömung entstehen, von der ich annehme, dass sie in die nächste Dimension vordringt.

Wichtig ist: Interpretaion sollte an die Realität anknüpfen

Nachdem ich heute das erste Gespräch mit meinem Zweitprüfer hatte, ist mein Fokus schon etwas klarer geworden. Mit der Possible Worlds Theory habe ich mir ja ein Thema gesucht, dass hauptsächlich in der erzähtheoretischen Analyse zum Einsatz kommt. Als ich meinem Zweitprüfer, den ich als solchen unbedingt haben wollte, da er mir als Erstprüfer bereits bei meiner Bachelorarbeit unter die Arme gegriffen hat, das Thema mitteilte reagierte er zunächst, nunja, zurückhaltend. In unserem heutigen Gespräch teilte er mir auch mit, warum seine spontane Begeisterung sich in Grenzen hielt. Die Narratologie, das war selbst mir schon aufgefallen, neigt dazu, sich in der Textanalyse so wohl zu fühlen, dass sie sich nicht selten darin verliert. Da fragt man sich dann schon manchmal: “und, was möchte uns der Wissenschaftler jetzt damit sagen?”. Da ich mich ja bereits im Thema etwas verloren fühlte, bevor ich überhaupt näher darüber nachgedacht hatte, erkannte ich sofort, dass hier ein große Gefahr lauert. 

Das erste Memo an mich selbst ist also: Anknüpfungspunkt an die Realität finden. Dazu gehört: Interpretation nicht vergessen!

Mit anderen Worten, mein nächster Schritt sollte sein, herauszufinden, was ich überhaupt herausfinden möchte und dann überlegen, ob dieser Aspekt wichtig ist, nicht nur für meinen Text, sondern auch für die Literatur im Allgemeinen. Witziger weise antwortete mir kurz nach dem Gespräch auch noch mein Erstprüfer auf die Mail, mit der ich ihm mein erstes Exposé schickte mit dem Hinweis, dass sich hier eigentlich zwei Ansätze verbergen. Zuerst ein Frage nach Produktion und Wirkung von Literatur und dann noch danach, was der Text repräsentiert. In Verbindung mit dem Tipp meines anderen Dozenten bedeutet das für mich, dass sich wohl eine grobe Zweiteilung anbietet. Zuerst sollte ich mich fragen, was im Text drinsteckt und dann, was es bewirkt. Am Ende kann man das dann vielleicht sogar, da es sich um einen sehr jungen Text handelt, auf eine zarte Zukunftsprognose der Literatur ausweiten. 

So bin ich heute durch ein halbstündiges Gespräch und eine kurze Mail bereits um einige Schritte weiter nach vorne gekommen. Ich kann darum nur als Tipp für alle formulieren, die gerade vor der Abschlussarbeit stehen: Nutzt die Möglichkeit zum Gespräch. Meist kann man zwar gar nicht alles verarbeiten, was der Professor einem rät, aber das, was man am Ende als Quintessenz aus diesen Gesprächen mitnimmt, wird einen garantiert schon etwas klarer sehen lassen. Und ich kann euch versprechen, dass das ein gutes Gefühl ist!