Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Sie forschte in seinem Gesicht, aber es war ihr zu vertraut, es sprach nicht mehr zu ihr; sie brauchte nur die Hand auszustrecken, um ihn zu berühren, aber auch diese Nähe noch machte ihn unsichtbar, man konnte nur an ihn denken. Es war nicht einmal ein Name da, mit dem sie ihn nennen konnte. Pierre oder Larousse nannte Francoise ihn nur, wenn sie mit anderen sprach; solange sie allein mit ihm war, gab sie ihm keinen Namen. Er war ihr so vertraut wie sie selbst und ebenso unergründlich; wäre er ein Fremder, so hätte sie sich wenigstens über ihn eine Meinung bilden können. By Simone de Beauvoir: Sie kam und blieb.

Weil wir es können - Ideen zu Matthew L. Jockers’ “Macroanalysis”

Weil wir es können – Ideen zu Matthew L. Jockers’ “Macroanalysis”

20140501-193251.jpgVor kurzem fragte ein Digital Humanist über den Humanists Listserver, welche zwei Bücher man empfehlen könne, um einen Überblick über das zu geben, was die digitalen Geisteswissenschaften in der Analyse von Literatur leisten können. Ein Kollege empfahl “Macroanalysis” von Matthew L. Jockers, ein Buch, das auch schon seit ein paar Tagen auf meinem Couchtisch bereit lag. Nun, da ich es durchgelesen…

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Jedenfalls machte er den Einfall zu seinem eigenen, indem er Zuneigung zu ihm faßte, mit ihm spielte, ihn in sich anwachsen ließ, bis er zu seiner zweiten Natur wurde, und in der Freien Stadt des Geistes macht dergleichen eine Sache zum rechtmäßigen Eigentum.

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Vladimir Nabokov “Gelächter im Dunkel”

Literatur Neuseelands 1: “Rocking Horse Road” von Carl Nixon

Ich eröffne meine Serie über neuseeländische Literatur mit einem Titel, der gerade erst diesen Sommer erschienen und somit brandneu ist. Es ist die Geschichte einer Gruppe von Jungen, die im Jahre 1980 15 Jahre alt sind. Ein schreckliches Erlebnis lässt sie in dieser Zeit verharren und nie richtig erwachsen werden.

Die Geschichte von Lucy Asher

Es ist Pete, der an einem Morgen in den Dünen die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt. Es handelt sich um Lucy Asher, die in der Schule zwei Jahrgänge über ihm ist und die er darum eigentlich nur flüchtig kennt. Pete sagt dem Vater seines Freundes bescheid, der Polizist ist, und bald sind nicht mehr nur die beiden, sondern eine ganze Gruppe von Nachbarn um Lucy versammelt. Darunter sind auch einige Freunde Petes, die - ebenso wie er - den Anblick des Mädchens nie wieder vergessen werden. Zusätzlich zu den Ermittlungen der Polizei beginnen die Jungen, eigene Nachforschungen. Nach und nach erfährt der Leser, dass diese bis zum heutigen Tag, an dem aus den Jungen längst Männer mittleren Alters geworden sind, andauern. Vom Sammeln der Zeitungsartikel über das Erstellen von Interviews mit allen beteiligten und unbeteiligten Personen bis zum Verfolgen von Verdächtigen - die Jungen (und später auch die Männer) widmen einen großen Teil ihrer Freizeit der Aufklärung des grausamen Mordfalles. 

Das heilige Mädchen und das Böse im Manne

Immer wieder fragt man sich beim Lesen dieses Romans, warum die Jungen das Mädchen, welches sie kaum kannten, nicht loslassen können. Zum Teil hängt es wohl damit zusammen, dass das grausame Sexualdelikt in die Zeit des eigenen sexuellen Erwachens fällt. Geradezu automatisch projizieren die Jugendlichen die böse, zerstörerische Kraft auf den männlichen Trieb. Für sie wird die 17-jährige Lucy zu einer Heiligenfigur. Das Mädchen wird Sinnbild eines weiblichen Ideals der Reinheit und Unschuld. Gleichzeitig fragen die jungen Männer sich, ob in ihnen selbst eine ähnlich zerstörerische Gier haust wie in ihrem Mörder. Diese Möglichkeit verursacht ebenso große Angst wie Wut. Als die Jugendlichen meinen einen Täter gefunden zu haben, schrecken sie nicht vor Lynchjustiz zurück.

Politik und Rugby

Doch der Roman zeigt den Kampf des Erwachsenwerdens nicht nur anhand der Besessenheit von Lucy Asher, sondern spiegelt es auch an einem großen sportlichen Ereignis. Die Rugby-Mannschaft Südafrikas soll nach Neuseeland kommen. Proteste brechen aus. Gegner des Sportereignisses fordern den Boykott eines Teams aus einem Land, in dem Apartheit herrscht. Die Jungen haben keine politische Meinung. So sehr sie glauben, Recht und Unrecht unterscheiden zu können, wenn es um Lucy Asher geht, so fehlt ihnen doch die Reflexionsfähigkeit, um zu erkennen, dass Politik und Sport nicht immer strikt trennbar sind. Erst als die Proteste eskalieren und Demonstranten gewaltsam von der Polizei zurückgedrängt werden, keimt eine Ahnung in ihnen, dass auch hier ein Unrecht geschieht. Sprechen tun sie darüber erst fast dreizig Jahre später.

Eine interessante Lektüre

Obwohl der Roman von Carl Nixon nicht wirklich so spannend ist, wie die kriminalistische Rahmenhandlung vermuten lässt, ist er doch ein hochinteressante Lektüre. Es zeigt seinem Leser aus einer sehr nahen Perspektive, wie Kleinbürgerlichkeit in Neuseeland aussieht. Es wirft einen Blick auf die Zeitgeschichte des Landes und baut eine sehr dichte Atmosphäre auf. Die Erzählperspektive folgt einer kollektiven Identität der Jungen. dadurch fragt sich der Leser mehr als einmal, wer da eigentlich zu ihm spricht. Auch kristallisiert sich nach und nach die Frage heraus, wie das Kollektiv der Freunde eigentlich funktioniert. Warum stehlen sie sich und ihren Familien immer wieder freie Zeit, um einen Fall zu betrachten, den die Polizei längst zu den Akten gelegt hat? Für jemanden wie mich, der zuvor noch nie bewusst etwas aus Neuseeland gelesen hat, ist “Rocking Horse Road” eine ideale Einstiegslektüre.

Nixon, Carl: Rocking Horse Road. ISBN: 978-3938803509. Weidle Verlag 2012, 19,90 Euro.

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