Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Jedenfalls machte er den Einfall zu seinem eigenen, indem er Zuneigung zu ihm faßte, mit ihm spielte, ihn in sich anwachsen ließ, bis er zu seiner zweiten Natur wurde, und in der Freien Stadt des Geistes macht dergleichen eine Sache zum rechtmäßigen Eigentum.

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Vladimir Nabokov “Gelächter im Dunkel”

Literatur Neuseelands 1: “Rocking Horse Road” von Carl Nixon

Ich eröffne meine Serie über neuseeländische Literatur mit einem Titel, der gerade erst diesen Sommer erschienen und somit brandneu ist. Es ist die Geschichte einer Gruppe von Jungen, die im Jahre 1980 15 Jahre alt sind. Ein schreckliches Erlebnis lässt sie in dieser Zeit verharren und nie richtig erwachsen werden.

Die Geschichte von Lucy Asher

Es ist Pete, der an einem Morgen in den Dünen die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt. Es handelt sich um Lucy Asher, die in der Schule zwei Jahrgänge über ihm ist und die er darum eigentlich nur flüchtig kennt. Pete sagt dem Vater seines Freundes bescheid, der Polizist ist, und bald sind nicht mehr nur die beiden, sondern eine ganze Gruppe von Nachbarn um Lucy versammelt. Darunter sind auch einige Freunde Petes, die - ebenso wie er - den Anblick des Mädchens nie wieder vergessen werden. Zusätzlich zu den Ermittlungen der Polizei beginnen die Jungen, eigene Nachforschungen. Nach und nach erfährt der Leser, dass diese bis zum heutigen Tag, an dem aus den Jungen längst Männer mittleren Alters geworden sind, andauern. Vom Sammeln der Zeitungsartikel über das Erstellen von Interviews mit allen beteiligten und unbeteiligten Personen bis zum Verfolgen von Verdächtigen - die Jungen (und später auch die Männer) widmen einen großen Teil ihrer Freizeit der Aufklärung des grausamen Mordfalles. 

Das heilige Mädchen und das Böse im Manne

Immer wieder fragt man sich beim Lesen dieses Romans, warum die Jungen das Mädchen, welches sie kaum kannten, nicht loslassen können. Zum Teil hängt es wohl damit zusammen, dass das grausame Sexualdelikt in die Zeit des eigenen sexuellen Erwachens fällt. Geradezu automatisch projizieren die Jugendlichen die böse, zerstörerische Kraft auf den männlichen Trieb. Für sie wird die 17-jährige Lucy zu einer Heiligenfigur. Das Mädchen wird Sinnbild eines weiblichen Ideals der Reinheit und Unschuld. Gleichzeitig fragen die jungen Männer sich, ob in ihnen selbst eine ähnlich zerstörerische Gier haust wie in ihrem Mörder. Diese Möglichkeit verursacht ebenso große Angst wie Wut. Als die Jugendlichen meinen einen Täter gefunden zu haben, schrecken sie nicht vor Lynchjustiz zurück.

Politik und Rugby

Doch der Roman zeigt den Kampf des Erwachsenwerdens nicht nur anhand der Besessenheit von Lucy Asher, sondern spiegelt es auch an einem großen sportlichen Ereignis. Die Rugby-Mannschaft Südafrikas soll nach Neuseeland kommen. Proteste brechen aus. Gegner des Sportereignisses fordern den Boykott eines Teams aus einem Land, in dem Apartheit herrscht. Die Jungen haben keine politische Meinung. So sehr sie glauben, Recht und Unrecht unterscheiden zu können, wenn es um Lucy Asher geht, so fehlt ihnen doch die Reflexionsfähigkeit, um zu erkennen, dass Politik und Sport nicht immer strikt trennbar sind. Erst als die Proteste eskalieren und Demonstranten gewaltsam von der Polizei zurückgedrängt werden, keimt eine Ahnung in ihnen, dass auch hier ein Unrecht geschieht. Sprechen tun sie darüber erst fast dreizig Jahre später.

Eine interessante Lektüre

Obwohl der Roman von Carl Nixon nicht wirklich so spannend ist, wie die kriminalistische Rahmenhandlung vermuten lässt, ist er doch ein hochinteressante Lektüre. Es zeigt seinem Leser aus einer sehr nahen Perspektive, wie Kleinbürgerlichkeit in Neuseeland aussieht. Es wirft einen Blick auf die Zeitgeschichte des Landes und baut eine sehr dichte Atmosphäre auf. Die Erzählperspektive folgt einer kollektiven Identität der Jungen. dadurch fragt sich der Leser mehr als einmal, wer da eigentlich zu ihm spricht. Auch kristallisiert sich nach und nach die Frage heraus, wie das Kollektiv der Freunde eigentlich funktioniert. Warum stehlen sie sich und ihren Familien immer wieder freie Zeit, um einen Fall zu betrachten, den die Polizei längst zu den Akten gelegt hat? Für jemanden wie mich, der zuvor noch nie bewusst etwas aus Neuseeland gelesen hat, ist “Rocking Horse Road” eine ideale Einstiegslektüre.

Nixon, Carl: Rocking Horse Road. ISBN: 978-3938803509. Weidle Verlag 2012, 19,90 Euro.

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Felicitas Pommerenings “weiblich, jung, flexibel” - ein Generationsporträt?

Vor etwa einer Woche hatte ich eine Mail in meinem Email-Postfach, die mich sehr erfreut hat. Eine junge Autorin namens Felicitas Pommerening fragte, ob ich nicht ihr gerade erschienenes Buch lesen und darüber bloggen wollte. Erst vor kurzem hatte sich ein ähnlicher Kontakt zu Sylvia M. Dölger herausgebildet, über deren Jugendbuch ich an anderer Stelle eine Rezension verfasst habe. Nach einem kurzen Blick auf Pommerenings - wie ich finde übrigens fantastisch designte - Website freute ich mich auf eine ebenso sympathische Begegnung und einen neuen Text.

“weiblich, jung, flexibel

- von den wichtigen Momenten im Leben und wie man sie am Besten verpasst”. Titel und Untertitel lassen vermuten, dass Felicitas Pommerening einen neuen Beitrag zur Frauendebatte geleistet hat, die in den letzten Jahren immer wieder einmal thematisiert wurde. Tatsächlich verrät das Nachwort, dass die Autorin sich recht intensiv mit dieser auseinandergesetzt hat. Von Charlotte Roches “Schoßgebete[n]” bis Bascha Mikas “Feigheit der Frauen” hat sie sich durch einiges gelesen, was als “neuer Feminismus” bezeichnet wurde. Dass wir (Frauen zwischen 25 und 35) gar nicht so sind wie Roches Protagonistinnen oder Mikas Feigheitsfallstudien, hat sie zum Anlass genommen, ein Buch zu schreiben, das nun wirklich ganz normale junge Frauen vorstellt.

Carlynn

Die Hälfte des Romans ist aus Carlynns Sicht geschrieben. Sie ist das, was man im Allgemeinen als Überfliegerin bezeichnet. Auf geradem Wege durch Schule und Studium gegangen, sitzt sie nun mit hervorragenden Abschlussnoten in Bewerbungsgesprächen - und wird abgelehnt. Sie sei eine gerade gewachsene Pflanze muss sie sich anhören, hätte doch ruhig mal ein bisschen herumdaddeln können, ein richtig ungeschliffener Stein sei sie ja jetzt. Dass Carlynn während ihres Studiums natürlich das beinahe schon obligatorische Auslandsemester absolviert hat, bemerkt ihr Interviewer ebenso wenig wie die Wiedersprüchlichkeit von geraden Pflanzen und ungeschliffenen Steinen. Carlynn hat erst einmal genug von der Jobsuche, bricht ihre Zelte ab und reist nach Indien. Wo könnte man besser etwas “herumreisen” und wo könnte man besser zu sich selbst finden? Als sie merkt, dass sie auch hier keine Erleuchtung findet, kehrt sie nach Deutschland und zur Jobsuche zurück.

Ellen

Im steten Wechsel wird parallel zu Carlynns Geschichte die ihrer besten Freundin Ellen erzählt. Sie hat in ihrem Leben nur ein Ziel vor Augen - sie möchte glücklich werden. Als kreativer und vielseitig begabter Mensch findet sie die Erfüllung aber nicht in einem Vollzeitjob, der sie verschlingt. Sie ist überzeugt davon, dass nur ein Teilzeitjob ihr genug Raum bietet, sich auch in ihrer an Hobbies reichen Freizeit entfalten zu können. Trotzdem möchte sie einen Job haben, der Verantwortung, Kreativität und Bedeutung bietet. Einen solchen zu finden ist beinahe ebenso schwer wie Carlynns Suche nach einem Lebensziel.

Zwei ganz normale Frauenbiografien

Was Carlynn und Ellen erleben, kennen viele junge Frauen von heute. Ihre Suche nach beruflicher Verwirklichung im speziellen und dem Lebensglück im Allgemeinen, kennt man aus dem eigenen Freundeskreis, und das übrigens auch von Männern. Im Nachwort bemerkt die Autorin, dass es schon lange nicht mehr die drei großen K sind, die unsere Generation am meisten beschäftigen, sondern die Frage nach beruflicher Verwirklichung. 

Es ist kaum möglich, Felicitas Pommerenings Buch einen Roman zu nennen, denn dazu passiert auf der Handlungsebene eigentlich zu wenig. Ein Sachbuch, wie der Untertitel es mit einem Augenzwinkern andeutet, ist es aber auch nicht, denn dazu ist die Autorin ihren Figuren zu nahe, erzählt zu persönlich und ohne jeglichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Doch genau die erreicht sie durch eine genaue Beobachtung dessen, was ihre Freundinnen und sie selbst wirklich bewegt. Es geht dabei kaum um literarische Verschlüsselung oder gar Kunstfertigkeit. Vielmehr stellt dieses Buch einiges richtig, zeigt wie es wirklich um die vielfach benannte und selten beschriebene Generation Praktikum steht. Dass sie über Frauen schreibt, liegt wohl eher daran, dass deren Emotionalität ihr persönlich näher steht, als an dem Wunsch ein spezifisches “Frauenproblem” aufzuzeigen. So beschreibt sie unaufgeregt und ganz natürlich, was ihrer Generation widerfährt und was ihr nahe geht. Eine sehr ehrliche, fein beobachtete und trotzdem sehr persönliche Geschichte, die ganz ohne pädagogische Zeigefinger auskommt.

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