Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Skandinavien-Krimi: Kristina Ohlssons “Tausendschön”

Ich unterbreche meine Reihe zu neuseeländischer Literatur und deutschen Indie-Autoren, um euch einen skandinavischen Krimi vorzustellen, den ich im Rahmen von Blogg dein Buch lesen durfte. Ein spannendes Drama um eine Pastorenfamilie, die sich für Flüchtlinge engagierte.

Diebstähle, ein Mord, ein Unfall und zwei verschwundene junge Frauen

Der Roman beginnt mit drei Fällen, die scheinbar unzusammenhängend sind. Zunächst einmal sind da eine Reihe von Überfällen auf Geldtransporter, die das Dezernat für Diebstahl in Atem halten. Als bei einem dieser Überfälle ein junger Araber überfahren wird, muss jedoch auch die Mordkommission eingeschaltet werden. Die ist allerdings gerade mit dem kuriosen Selbstmord eines Pastorenpaares beschäftigt. Keiner im Umfeld der sozial engagierten Eheleute scheint wirklich an den erweiterten Suizid zu glauben. Wahrscheinlicher scheint, dass einer der Flüchtlinge, die Pastor Johann vor Jahren bei sich versteckte, sich gegen seinen Wohltäter gewendet haben könnte. An Informationen aus dem inneren Familienkreis kommt die Polizei aber nicht heran, da eine der Töchter verstorben, die andere spurlos verschwunden ist.

Eine Flucht nach Bangkok und ein neuer Schmugglerring

Der Leser erfährt hingegen von Beginn an mehr als die Ermittler. Er lernt eine junge Frau kennen, die sich in Bangkok plötzlich mit einem ungewöhnlichen Problem konfrontiert sieht. Ihre Email-Accounts sind gelöscht, ihre Papiere werden gestohlen und die Telefone ihrer Eltern sind abgemeldet. Den Namen der jungen Frau erfahren wir nicht, nur, dass sie eines Tages in der Zeitung liest, dass ihre Eltern nicht mehr am Leben sind. Außerdem steht dort der Name einer verstorbenen jungen Frau, ein Name, den sie nun wirklich nicht erwartet hätte.

Am anderen Schauplatz des Romans, in Schweden, lernt der Leser dieses Kriminalromans noch ein weiteres Schicksal kennen. Ali hat alles hinter sich gelassen: Seine Familie, seine Heimat, seine Freunde. Er konnte sich die Flucht aus dem Iran nur leisten, weil er einen “neuen Weg” gefunden hat. Ein Netzwerk schmuggelt Flüchtlinge zu ungewöhnlichen Konditionen. Wer fliehen will, darf niemandem von seiner Flucht erzählen, zahlt dafür aber weniger als üblich und muss in seiner neuen Heimat einen Auftrag erledigen. Dafür bekommt er echte Papiere. Ali hat sich an alles gehalten. Er hat nicht einmal seiner Frau von seiner Abreise erzählt und nun ist er in Schweden und wartet auf seine Aufgabe. Er hat lediglich heimlich einem Freund in Schweden von seiner Ankunft berichtet. Doch seine Helfer scheinen davon nichts zu ahnen…

Ein muss für Fans skandinavischer Krimis

"Tausendschön" ist in bester skandinavischer Krimitradition geschrieben. Der Fall zeigt ebenso viel von der skandinavischen Gesellschaft wie von weltpolitischen Zusammenhängen, genauso wie das Motiv eine Mischung aus politischer Anschauung und persönlichen Erlebnissen ist. Die Zusammenhänge sind vielschichtig und werden erst am Ende komplett aufgelöst. Trotzdem dieser Krimi alle Zutaten hat, die sich z.B. auch in Henning Mankells "Der Chinese" finden, kommt allerdings selten eine vergleichbare Hochspannung auf. Dafür erfährt der Leser alles über die Familienverhältnisse der Ermittler, die in sehr großer Zahl auftreten. Obwohl Kristina Ohlsson die Privatleben ihrer Figuren nicht langweilig gestaltet, fehlt mir persönlich doch etwas die zentrale Ermittlerpersönlichkeit. Ich habe den Roman zwar gerne gelesen, würde aber nicht atemlos auf Folgeromane warten, wie es bei Jo Nesbö, Jussi Adler Ohlsen oder Arnaldur Indridason für mich der Fall ist. Wenn ihr also mal wieder einen schönen skandinavischen Krimi lesen möchtet, während ihr auf einen neuen Fall eures persönlichen Lieblingsermittler wartet, nehmt "Tausendschön" von Kristina Ohlsson - es lohnt sich.

Ohlssen, Kristina: Tausendschön. Limes-Verlag 2012: ISBN: 9783809025924. 19,99 Euro.


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Märchen mal anders? Das wilde Dutzend bringt “Wer kann für böse Träume - The Secret Grimm Files” heraus

200 Jahre ist es nun her, dass die Gebrüder Grimm die “Deutschen Hausmärchen” herausbrachten. Sie hätten sie fleißig gesammelt und genau so aufgeschrieben, wie sie ihnen erzählt wurden, so sagten sie. Jahrhunderte alte mündliche Erzähltradition könnten so für die Nachwelt überliefert werden, so sagten sie. Inzwischen wurde oft angemekrt, dass die Brüder viel eigene Fiktion in die Märchen hinein brachten. Die geheimnissevolle Loge “Das wilde Dutzend” habe nun Originalmaterial an Künstler weitergegeben, damit diese neue, authentischere Fiktionen schaffen. Dies ist die Geschichte, die “Wer kann für böse Träume” erzählt.

15 Märchen mal anders

Die Geschichten, die die 15 Autoren darin erzählen sind Märchen der Gebrüder Grimm neu-, weiter- oder umerzählt. Mal wird der Frage nachgegangen, was eigentlich mit Rapunzel und ihren zwei unehelichen Kindern nach der Verbannung in die Steppe passierte. Ein anderes Mal wird die Idee impliziert, dass Gold und Pech zwei Seiten derselben Marie sein könnten. Wieder ein anderes Mal wird uns ein Junge vorgestellt, der als Teufel angeklagt und mit drei goldenen Nadeln zu Tode gefoltert wird. Hinzu kommen zu jeder Geschichte ein paar Quellen, die eine Ahnung dessen geben, was die Idee zur Neuerzählung gewesen ist. Dabei wird sorgsam der Schein gewahrt, dass hier auch Originalmaterialien der Gebrüder Grimm genutzt worden sein könnten. Gleichzeitig liegt über allem der Mantel der Fiktion. Ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das die Märchen der Gebrüder Grimm keineswegs entzaubert, sondern eher zu noch größerer Vieldeutigkeit verhilft.

Eine düstere, eine zauberhafte Lektüre

Mal bringen die Märchen des wilden Dutzends ihren Lesern ihre berühmten Vorfahren näher, lassen die Geschichten der Gebrüder Grimm realistischer erscheinen. Sie erzählen dann von Prostitution, Folter, Ehebruch oder psychischen Leiden und wie diese märchenhaft verschleiert oder im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt wurden. Dann wieder erzählen die neuen Märchen ebenso oder noch stärker von Zauber und Hexerei wie die Klassiker der Gebrüder Grimm. Diese 15 Märchen sind so unterschiedlich in Thematik und Gestaltung, da jeder Autor seine ganz eigene Interpretation in den jeweiligen Text legt. trotzdem verbindet sie eine märchenhafte Erzählweise untereinander und mit der Erzähltradition, die auch die Brüder Grimm zu konservieren versuchten. So ist insgesamt kein Aufklärungsbuch entstanden. Eine Entzauberung unserer Lieblingsmärchen ist von “Wer kann für böse Träume” nicht zu fürchten. Und doch bekommt man als Leser eine Idee davon, wie die Fiktionen der Gebrüder wirken konnten, wie eine Geschichte desselben Kerns eine ganz andere Wendung bekommen kann - kurz: Wie Märchen entstehen. So wurde den Märchen, die seit 200 Jahren konserviert wurden, ein Anstoß gegeben, der wieder Raum schafft für neue Ideen, neue Deutungen. Wenn “Wer kann für böse Träume” auch wieder ein Buch ist und darum die Märchen nicht zur mündlichen Überlieferung zurückführt, so gibt es doch einen neuen Anstoß in den Köpfen seiner Leser, dritte, vierte oder fünfte Varianten zu erdenken. Ich habe dieses Buch geradezu verschlungen, werde es aber wohl noch öfter in die Hand nehmen, wenn mir an dunklen Herbstabenden mal wieder nach Tee, Kerzenschein und Märchen ist. Ich kann euch diese wundersame Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Ich danke http://www.bloggdeinbuch.de und dem Wilden Dutzend (www.das-wilde-dutzend.de) für die Bereitstellung des Leseexemplars!

Das wilde Dutzend: Wer kann für böse Träume - The Secret Grimm FilesISBN: 978-3-9815252-0-5 Das wilde Dutzend Verlag 2012, 18,90 Euro