Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Und noch ein Neuseeland-Krimi: Paul Cleave “Der siebte Tod”

imageEin ungewöhnlicher und irgendwie auch eigenartiger Krimi ist “Der siebte Tod” von Paul Cleave. Ermittler und Protagonist ist Joe “Der Schlächter von Christchurch”, Mörder von sechs Frauen. Grund seiner Nachforschungen ist das Auftauchen einer siebten Leiche. Ihr Mord wird mit ihm in Verbindung gebracht, obwohl er die Frau noch nie zuvor gesehen hat, jemand möchte ihm etwas unterjubeln und das gefällt Joe gar nicht. Der Leser begibt sich in die Gedankenwelt Joes, eine Reise, die wahrlich nicht immer angenehm ist.


Joe, der Zurückgebliebene und Joe, der Hochbegabte

Der Joe, den seine Kollegen kennen, ist immer freundlich, etwas langsam im Denken aber herzensgut. Man hat ihn eingestellt, weil man Mitleid mit ihm hatte und so geht er täglich einer Arbeit nach, die im Grunde überflüssig ist. Joe ist Putzmann bei der Polizei in Christchurch. Er putzt tagsüber, was nachts von einem Putztrupp gereinigt wird. Seine Arbeit ist eine reine Beschäftigungstherapie. Doch was keiner weiß ist, dass Joe der ist, den sie gerade dringend suchen, dass er derjenige ist, der ihnen entwischen wird, obwohl er ihnen täglich so nah ist und dem sie den Spitznamen “Der Schlächter von Christchurch” gegeben haben. Joe liebt seinen Job bei der Polizei, weil er ihm täglich wieder bestätigt, dass er derjenige ist, der die Entscheidungen trifft. Er ist immer einen Schritt voraus. Er kann sich nur darüber amüsieren, was man in sein Täterprofil schreibt. Er weiß schließlich, dass er nicht verrückt ist, dass er nicht das Opfer einer schlechten Kindheit ist, und dass er zu jeder Zeit alles unter Kontrolle hat.

Joe, der Psychopath

Paul Cleave vermittelt äußerst geschickt, dass die Realität weder dem gleicht, was Joe sich ausmalt, noch dem, was die Polizei vermutet. Indem die täglichen Routinen gezeigt werden - die stets pünktliche innere Uhr, der täglich ignorierte Anruf von der Mutter, der plötzlich auftretende Hass ihr gegenüber und die ebenso plötzliche Sorge, dass ihr etwas zustoßen könnte - wird klar, mit was für einem Protagonisten der Leser es hier zu tun hat. Die extremen Stimmungsschwankungen zeigen, dass er unberechenbar und dadurch äußerst gefährlich ist. Auch die Tatsache, dass seine beiden besten Freunde Fische sind, lässt einen vermuten, dass Joe alles andere als normal ist. Paul Cleave ist es sehr gut gelungen, dieses psychopathische Denken zu porträtieren. Doch phasenweise verliert er sich darin. Die Schilderungen von Joes täglichen Routinen werden immer langatmiger und wiederholen sich fast zu oft. Bis eines Tages eine völlig überraschende Wendung auftritt (die ich euch hier natürlich nicht verraten werde) und alles aus den Fugen gerät. Erst jetzt nimmt die Handlung wirklich Fahrt auf und ein spannender Thriller entwickelt sich aus den detailgetreuen psychologischen Beschreibungen.

Ein neuseeländischer Krimi

In Paul Cleaves “Der siebte Tod” spielt aber nicht nur Psychologie eine Rolle. Da der Protagonist sich in hohem Maße mit seinem Umfeld identifiziert, lernt man als Leser eine Menge über Christchurch und auch über Neuseeland. Zum einen zeigen Milieubeschreibungen von Stadtteilen oder Christchurch bei Nacht das Porträt eines lebendigen Ortes, der viele soziale Unterschiede aufweist. Der Krimi zeigt aber auch eine Stadt in der die Viertel der ärmeren Bevölkerung, wie das in dem Joe lebt, klar von denen der Reichen abgegrenzt sind. Er zeigt eine Stadt, die einerseits vor Leben fast übersprudelt und andererseits viel zu wenig zu bieten hat, um den Lebenswillen der Bewohner zu befriedigen. So suchen sie sich Abwechslung bei illegalen Autorennen oder - wie auch Joe - Nervenkitzel darin, in anderer Leute Häuser einzubrechen. “Der siebte Tod” zeigt auch einen Ort, der so nah an schwach besiedelten Gebieten liegt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Leiche unbemerkt vollständig verwest ebenso hoch ist, wie, dass sie von einem einsamen Bauern entdeckt wird. Paul Cleave schildert darüber hinaus die Tatsache, dass die Anzahl der Kapitalverbrechen in Neuseeland so gering ist, dass es keine festen Mordkommissionen gibt. Passiert ein Mord, so muss eine solche erst aus Spezialisten des ganzen Landes zusammengestellt werden. Wobei Spezialisten in diesem Falle heißt, dass sie die besten Ermittler in anderen Kommissionen wie z.B. die zur Aufklärung von Einbrüchen sind.

Lesenswerter psychologischer Kriminalroman mit viel Lokalkolorit

Insgesamt wird “Der siebte Tod” auf diese Weise zu einem durchaus lohnenden Kriminalroman, der zeigt, was passiert, wenn ein absolut unberechenbarer Psychopath in eine Umgebung geboren wird, die ihm nur wenig entgegen zu setzen hat. Joe hat keine Möglichkeiten, sich abzureagieren und wenig Anlass dazu, seine dunkelsten Fantasien nicht auszuleben. So ist dieser Roman mehr als nur das Porträt eines Killers, er ist auch das Porträt einer Gesellschaft. Trotz einiger Längen im ersten Teil fand ich darum die Lektüre interessant und habe sie nicht bereut. Für Menschen mit schwachen Nerven sei hier allerdings die Warnung ausgesprochen, den Mittelteil entweder zu überspringen oder sich doch lieber ein beschaulicheres Buch zu suchen.

Im Buch lesen

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Lesen Sie im Buch

Cleave, Paul: Der siebte Tod. Heyne Verlag 2007. ISBN: 9783453432. 8,95 Euro.

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