Mareike Höckendorffs Blog - eine ganz persönliche Sammlung poetischer Dinge, Worte und Situationen

Deutsche Indie-Autoren 3: “Mein Bruder der Nichtraucher” von Thorwald Börner

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Es ist noch gar nicht so lange her, da beherrschte ein Buch die Sachbuch-Bestseller, dessen Titel “Irre - wir behandeln die Falschen” hieß. Thorwald Börner erzählt in seinem Buch eine ganz andere Geschichte. Wir behandeln die Richtigen, aber behandeln wir sie richtig? Scheint die entscheidende Frage zu sein, die seinen “Geschichten aus der Psychiatrie” zugrunde liegt. Ein interessanter Blick in den Alltag derjenigen, die gern aus dem gesellschaftlichen Alltag ausgeschlossen werden

Mein Bruder der Nichtraucher

Als Pfleger einer psychiatrischen Klinik hat der Autor vieles gesehen. Er hat Patienten mit Essstörungen oder Borderline-Persönlichkeit kennengelernt und seine Zigarrettenpausen mit Obdachlosen und Drogenabhängigen geteilt. Viele seiner Schützlinge sind hoffnungslose Fälle, die immer und immer wieder in die Klinik geraten. Dabei zeigt das Buch allerdings nur selten die deprimierenden Fakten, sondern ermöglicht vielmehr einen Blick auf die menschlichen Schicksale. Mehr als einmal ertappt man sich beim Lesen dabei, sich zu fragen, ob die Grenzen zwischen dem, was als “normal” und dem was als “verrückt” gilt wirklich so solide sind, wie wir sie uns wünschen. Ist es nicht vielmehr normal, mit “Verrücktheit” zu reagieren, wenn einem etwas Schreckliches zustößt? Börner legt einem der Klinikärzte eine Erklärung in den Mund, die ich besonders anrührend fand. Er antwortet einer Patientin auf ihre Frage hin, sie sei vielleicht etwas ver-rückt und nun in der Klinik, um wieder gerade gerückt zu werden. Eine schöne Metapher, die leider nicht bei allen Schicksalen zutreffend zu sein scheint.

So erzählt Börner von einem Mann, der immer nur eine halbe Zigarette raucht. Von dem Ich-Erzähler, seinem Pfleger, danach befragt, gesteht er, dass er manchmal gerne die Rolle seines Bruders annehme. Dieser sei als Kind verstorben und darum schließlich Nichtraucher. Seine Zigarette raucht er darum halb für sich und lässt sie halb liegen für seinen Bruder. Auch die Geschichte um einen IT-Fachmann, der eines Tages böse Stimmen hört und darum seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, gibt einem noch lange etwas zum Nachdenken. Der Mann hat immer schon gute Stimmen gehört, erst in letzter Zeit seien die bösen dazu gekommen. Er wird “geheilt” und hört bei seiner Entlassung keine Stimmen mehr. Doch der Mann ist nun todunglücklich und einsam. Seine guten Stimmen waren seine Freunde, dass sie ihm genommen wurden, sein großes Unglück. Eine weitere Geschichte, die mich besonders berührt hat, ist die eines Mädchens, das unter Angstzuständen leidet, seit sie als kleines Mädchen vom “schwarzen Mann” misshandelt wurde. Sie ist Einwanderin und im Glauben des Islam erzogen. Ihre Eltern haben sie längst zur Hochzeit versprochen und so nähert sie sich ihrem Heiratsdatum. Die Ehe vollziehen, kann sie nicht und ihre Krankheit wird noch schlimmer. Überzeugt, sich ein für alle Mal für Männer unattraktiv machen zu müssen, um Frieden zu finden, verletzt sie sich in grausamem Ausmaße selbst.

Voll Verständnis erzählt…

…der Autor die Lebensgeschichten von Menschen, die die Gesellschaft wie Treibgut in ihre Klinik zu fluten scheint. Es sind Geschichten, die oft den Frust widerspiegeln, nicht wirklich helfen, sondern meist nur lindern zu können. Diese offene und ehrliche Erzählweise trägt große Teile des Buches und kann leider doch nicht vollends über die literarischen Schwächen hinweg täuschen. Die hohe Dialogizität hätte die Geschichten sehr plastisch gestalten können, wenn ein größerer Unterschied zwischen der Erzählerstimme und der Figurenrede eingehalten worden wäre. Auch treten einige Phrasen und Worte so häufig auf, dass der Abwechslungsreichtum, den die Geschichten eigentlich bieten, deutlich eingeschränkt wird. Insgesamt ist “Mein Bruder der Nichtraucher” eine interessante Kurzgeschichtensammlung, die jedoch inhaltlich viel stärker überzeugen kann als formal. Darum würde ich sie auch eher denjenigen Empfehlen, die selbst ein großes Interesse an Psychologie und Psychiatrie hegen als denjenigen, die sich einfach nur mal wieder zwischen den Zeilen eines literarischen Schmökers treiben lassen wollen.

Börner, Thorwald: Mein Bruder, der Nichtraucher. ISBN: 3000262075. 11,95 Euro.

Ich bedanke mich herzlich bei Thorwald Börner für die Bereitstellung des Leseexemplars!

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